"Wenn ich hochbegabt wäre, warum schreibe ich dann nicht

immer Einsen und Zweien?"
KAI

Anmerkung: Notensystem Deutschland

 

“Der klügste Mann muss am wenigsten tun."
MARC

2 Zitate aus dem Buch: "Hochbegabte Underachiever", Dr. Silvia Greiten, abgeordnete Lehrerin

im Fach Erziehungswissenschaften an der Universität Singen

 

 

So divergent die Aussagen der beiden hochbegabten Jungen sind, so sind es auch die Begabungsmerkmale einzelner hochbegabter Kinder und Jugendlichen. Das eine Kind schreibt und rechnet bereits mit 3 Jahren, das andere beginnt damit in der Schule und lernt dies in Windeseile. Eines will nicht schreiben und lesen, das andere interessiert sich nicht für Mathe. Einige beschäftigen sich mit Themen wie Ökologie, Atmosphäre, andere wiederum mit Botanik und Biologie. Bei den meisten fällt ein grosses Interesse an vielen unterschiedlichen Themen bereits im Vorschulalter auf. Eines aber haben sie gemeinsam:



Sie sind in erster Linie Kinder, und die Hochbegabung ist zweitrangig;
sie ist lediglich ein Teil von ihnen!

Sie sind wie alle anderen  Kinder auch - nur eben - sie besitzen ein sehr hohes Leistungspotential und sind in der geistigen Entwicklung anderen Kindern und Jugendlichen voraus.

Wie wir wissen ist Hochbegabung lediglich ein Potenzial. Um dieses Potenzial in Leistung umsetzen zu können, ist es notwendig, dass sie von zu Hause, der Schule und dem Umfeld,  also den von ihnen nahestehenden Personen aus,  genügend Unterstützung und Wertschätzung erhalten, um ihren Wissensdurst zu stillen.  Wird ihre schnelle und vernetzte Art zu denken geschätzt, dann entwickeln sie sich wie alle anderen Kinder und können ihr Potential in Leistung umsetzen.

 

 

„Intelligenz an sich ist ein Rüstzeug; wertvoll wird sie erst durch die positiven Ziele, in deren Dienst sie verwandt wird.“

William Stern, deutscher Psychologe (1871 – 1938)
 

 

In unserer Gesellschaft und insbesondere bei Lehrern, Schülern und Eltern besteht das Vorurteil, hochbegabte Kinder zeigten immer auch außergewöhnlich gute Leistungen in der Schule. Für viele hochbegabte Kinder trifft dies auch durchaus zu. Eine große Anzahl dieser Kinder entspricht aber gar nicht dieser Vorstellung. Sie verbergen ihre besonderen Begabungen, weil sie aufgrund langer Erfahrungen Angst vor der Exposition haben. Sie haben das Gefühl, von Niemandem verstanden zu werden.


So kann es auch dazu kommen, dass diese Kinder in der Schulzeit über längere Zeit unter Langeweile leiden und für sie der Alltag zur Qual wird. Sie entwickeln ihre eigenen Strategien um den Alltag zu bewältigen. Die Auswirkungen kennen die meisten Lehrpersonen aber auch die Eltern: Stören des Unterrichtes, Tagträumereien, Aggressionen, Opposition, Anpassung an die anderen Kinder, niedrige Frustrationstoleranz zu Hause, vermeiden von Kontakten zu Mitschülern, Verlust der Motivation in sämtlichen Bereichen und sozialer Rückzug, damit einher geht oft ein Leistungsabfall.

Durch die daraus entstehende, fehlende Anerkennung und Bestätigung entwickeln sie nur wenig Selbstbewusstsein, sie weisen sich selber die Schuld zu und fühlen sich falsch.  Bei Mädchen ist der soziale Druck zur Anpassung aufgrund längst überholt geglaubter, aber dennoch immer existenter Rollenvorstellungen meist höher. Daher werden immer noch sehr viel weniger Mädchen als hochbegabt erkannt, obwohl eine Gleichverteilung der Intelligenz am wahrscheinlichsten ist.

Von diesen Kindern und Jugendlichen wird im Allgemeinen auch erwartet, dass sie durch ihr hohes Potential  die Leistungsfächer ohne besondere pädagogische Unterstützung selbständig erarbeiten. Eine solche Erwartung ist als Regel nicht gerechtfertigt: Gerade bei diesen Kinder und Jugendlichen, dessen intellektuelle Lernfähigkeit nicht ausgeschöpft wird, ist eine anregenden Förderung, Toleranz und Geduld von grosser Wichtigkeit. Wie alle anderen, lernen auch die hochbegabten Kinder durch ihre Fehler. Sie brauchen Ermutigung, damit sie zu ihren Fähigkeiten Vertrauen finden sollen.

Ob ein Kind hochbegabt ist, kann mit Hilfe der Pädagogen, der Eltern, den Ärzten und Psychologen erkannt werden. Voraussetzung ist aber auch hier das Wissen um Hochbegabung und die Bereitschaft, sie zu akzeptieren. Durch einen Test kann die  Intelligenz gemessen und die Entscheidung, ob ein hohes kognitives Potential vorliegt, objektiviert werden.

Ist es dem Kind durch bereits langandauernden Unterforderung und Demotivation und/oder dadurch das Vorliegen einer Krankehit nicht möglich im IQ-Test die verlangten 130 zu erreichen und der Wert um 5 - 10 Punkte darunter liegt, sprechen wir von einem hohen kognitiven Potential. Bei diesen Kindern ist es ebenso wichtig, sie zu unterstützen. Der IQ-Test alleine ist eine momentane Aufnahme. Als wichtiges Instrument unterstützt dieser Test zusammen mit der Evaluation durch die Eltern, Lehr- und Fachpersonen die Entscheidung und Festlegung der Förderangebote der Kinder.

 

Mögliche charakteristischer Eigenschaften oder Verhaltensweisen, welche auf eine Hochbegabung oder hohes kognitives Potential hinweisen können:

  • Das Kind beteiligt sich im Kindergarten nur ungern an Gruppenspielen, hat aber außergewöhnlich früh ein großes Interesse an Zahlen, Buchstaben oder Symbolen.

  • Es spielt und spricht bevorzugt mit älteren Kindern oder Erziehern.

  • Es hat neuen Lernstoff meist beim ersten Mal verstanden und verabscheut Wiederholungen.

  • Es „versagt“ anscheinend bei Routine-Aufgaben, wird aber munter bei schwierigen Aufgabenstellungen.

  • Es bearbeitet ungern Hausaufgaben, die zu einfach sind, wie z.B. Ausmalen, Päckchen-Rechnen, oder weigert sich, bereits Verstandenes in kleinen Variationen zu wiederholen. Es arbeitet aber sauber und ausführlich, wenn das Thema interessant und fordernd ist.

  • Es macht in Klassenarbeiten läppische Fehler bei einfachen Aufgaben, schwierigere Aufgaben werden aber fehlerfrei gelöst.

  • Es bekommt bei Tests schlechte Noten, obwohl der Lehrer subjektiv den Eindruck hat, es müsse alles verstanden haben.

  • Es langweilt sich im Unterricht und zeigt – manchmal auch demonstrativ – Desinteresse.

  • Es träumt anscheinend während des Unterrichts, weiß auf Anfragen aber die richtige Antwort.

  • Es spielt in Pausen nicht mit Gleichaltrigen und wird manchmal von anderen Kindern geschnitten, ausgegrenzt, gemobbt oder auch geschlagen.

  • Es spielt den Klassenclown, um von anderen anerkannt zu werden oder um etwas gegen Langeweile zu tun.

  • Es zieht sich möglicherweise in sich zurück oder hat eine Neigung zu Krankheiten unklaren Ursprungs wie Bauch- oder Kopfschmerzen.

  • Es ist ausgesprochen kritisch gegenüber sich selbst und gegenüber anderen – auch gegenüber Lehrkräften.

Die genannten Einzeleigenschaften sind lediglich Hinweise auf eine mögliche Hochbegabung. Nicht jedes Kind, das sich als Klassenclown, TräumerIn oder EinzelgängerIn zeigt, ist hochbegabt oder hat ein hohes kognitives Potential, nicht jeder Fehler bei einfachen Aufgaben, nicht jede "hudlige" Hausarbeit ist auf eine Hochbegabung oder hohes kognitives Potential zurückzuführen.